© Armin Smailovic

München/Paris

I.

Der große Mann sitzt auf einem kleinen Stuhl. Er hat den Bart und die Augen eines fröhlichen Kapuzinermönchs. Es herrscht eine beruhigende Unordnung in seinem Wohnzimmer. Es ist die Stunde des späten Frühstücks, das Licht ist weich und diesig. Ich war mit sechs Freunden nach Paris gereist, sagt der Mann, es war in der zweiten Novemberwoche, in den Tagen vor Freitag, dem dreizehnten.

Am frühen Abend dieses Freitags gingen wir gemeinsam essen, in einem Lokal, das uns empfohlen worden war, Le Petit Cambodge am Canal Saint-Martin. Man hatte uns zwar darauf hingewiesen, dass es dort immer sehr voll sei, aber als wir den Laden betraten, war im hinteren Winkel noch ein Tisch frei, frisch eingedeckt, als hätte man uns dort erwartet.

Wir hatten Glück. Und das sage ich nicht, wie man es sonst sagt, wenn man in einem Restaurant gerade noch einen Platz erobert hat. Wir hatten Glück, weil wir womöglich gestorben wären, wenn wir an der Theke gewartet hätten.

Denn dort schlugen die Kugeln ein.

Wir aßen, tranken und sprachen über die schönen Tage, die hinter uns lagen. Dann bat ich den Kellner, uns die Rechnung zu bringen, aber er verstand es falsch und brachte uns stattdessen eine Flasche Wasser. Wir lachten, was soll's, und schenkten uns noch mal ein. Das war das zweite große Glück, denn sonst wären wir aufgestanden und auf die Kreuzung hinausgegangen.

Kurz danach begann es draußen zu knallen.

Die Leute, die am Fenster zur Straße saßen, rutschten sofort unter die Tische, um sich dort zu verstecken. Wir taten das Gleiche, es war ein Reflex, obwohl ich in diesem Moment noch dachte, was ist das, ein Feuerwerk?

Die Stimme des Mannes beginnt zu zittern. Er unterbricht seine Erzählung und lächelt so verlegen wie jemand, der in einem fremden Land nach dem Weg fragen will und die Sprache nicht kennt.

Ich schaffte es nicht, sagt er, mich ganz flach zu machen. Unter dem Tisch war kein Platz mehr, und ich war ohnehin ein bisschen zu groß für den engen Spalt. Ich blieb also mit dem Kopf oben und konnte die ganze Zeit auf die Kreuzung blicken. Ich sah die Funken der Kugeln, die vom Boden abprallten, ich hörte das maschinelle Geräusch, tack-tack-tack-tack, ich spürte die Angst im Raum, wie sie wuchs und wuchs.

Da wusste ich, es müssen Schüsse sein.

Vielleicht ist es ein Bandenkrieg, dachte ich, vielleicht duellieren sich zwei auf der Straße, was auch immer. Ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, dass uns die Bedrohung gilt.

Dann sah ich eine Radfahrerin, die getroffen wurde und auf den Asphalt stürzte. Und ich wusste, es ist ernst. Ich wusste, wir sind in großer, großer Gefahr.

II.

Auf einem Sessel im Wohnzimmer liegen Kleider, die der Mann und seine Frau am Freitag, dem dreizehnten, trugen: zwei Hosen, zwei Pullover. Sie haben sie nie wieder angezogen.

Dass er nicht mehr unter den Tisch gepasst hat, sagt die Frau, hat mich beinah um den Verstand gebracht.

Sie hat eine schwarze Wollmütze auf dem Kopf, als wäre sie ein Schutzhelm. Sie sagt, sie sei heute unglücklich mit ihren Haaren.

Gefangen zu sein in dem Restaurant, sagt sie, die Schüsse zu hören, dann die Pause, in der der Täter vermutlich nachgeladen hat, dann wieder die Schüsse: Das habe ich alles gedämpft wahrgenommen. Eher ertragen als erlitten.

War das Licht an?

Hatte es jemand ausgeschaltet?

Oder ausgeschossen?

Hat jemand geschrien?

Ich weiß es nicht mehr.

Aber dass er in der Schusslinie saß, dass er schutzlos war, diese Tatsache war mir in seiner Entsetzlichkeit die ganze Zeit über vollkommen klar.

III.

Ich schloss immer wieder die Augen, sagt der Mann, um nicht sehen zu müssen, was auf der Kreuzung geschieht. Aber ich wollte mich auch nicht ganz blind machen, so wie ein Kind, das sich versteckt und glaubt, es sei unsichtbar. Ich wollte schließlich auch wissen, was auf uns zukommt. Ich wollte wissen, was ich tun muss, um uns zu retten.

Dann gab es eine Feuerpause, die etwa eine Minute andauerte.

Als wieder geschossen wurde, schlugen die Kugeln durch die Fenster in das Restaurant ein, in dem wir uns befanden.

Ich dachte, wenn der Schütze jetzt hereinkommt, sind wir verloren. Dann räumt er richtig auf. Warum sollte er mit dem aufhören, was er angefangen hat? Wer soll ihm Einhalt gebieten?

Ich begann zu beten. Lieber Gott, hilf uns bitte.

Und dann war es vorbei.

Der Mann schaut verschämt drein, als hätte er uns etwas gestanden, das sich nicht gehört.

Wisst ihr, ich bin ja gar nicht gläubig, sagt er. Aber was hätte ich tun sollen? Zu beten, an etwas Höheres zu glauben, das uns retten kann, wenn wir uns selbst nicht mehr retten können, das war meine letzte Zuflucht.

Ich hörte ihn beten, sagt die Frau. Wie er sagte: "Lieber Gott, hilf uns bitte".

Er hielt meine Hand.

Ich hielt seine.

Mehr konnte ich nicht tun.

IV.

Meine Freunde hielten sich weiterhin unter dem Tisch versteckt, sagt der Mann, ich befand mich noch immer in dieser halb liegenden Haltung. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns trauten, uns zu rühren. Woher sollten wir wissen, dass der Schütze nicht zurückkommt und weitermacht? Woher sollten wir wissen, dass es tatsächlich vorbei ist?

Nach etwa fünf Minuten trat ein junger Polizist in das Restaurant. Er war kreidebleich. Es roch nach Wunderkerzen, das war der Rauch aus den Gewehrläufen.

Der Polizist versuchte zu ermitteln, wer Hilfe brauchte. Dann verteilte er verschiedenfarbige Karten, rot stand für "schwer verletzt". Dadurch erst bemerkte ich, dass am Eingang ein Mann lag, der eine Schusswunde im Bauch hatte, er presste ein Kleidungsstück darauf, ein Freund hielt ihn im Arm. Dieser Mann war ganz ruhig, sein Blick war abwesend, der Blick eines Sterbenden. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Weil er im Eingang lag und wir nicht über ihn steigen wollten, konnten wir das Restaurant zunächst nicht verlassen. Erst nach einer Viertelstunde traten wir auf die Kreuzung, wir liefen geduckt, kauerten uns hinter ein parkendes Auto, andere versteckten sich in den Hauseingängen. Es kamen aber auch Leute herbeigelaufen, voller Angst um ihre Freunde und Angehörigen, die den Abend hier verbracht hatten, ein Mann mit Motorradhelm, der nach jemandem suchte, sorgte für neue Panik, jeder war suspekt, jeder hätte der Täter sein können, selbst die Zivilpolizisten mit ihren Waffen.

Und überall lagen Tote und Verletzte. An der Kreuzung, an der wir zu Abend gegessen hatten, sind fünfzehn Menschen gestorben.

V.

Wir mussten fort von dieser Kreuzung, so schnell wie möglich, sagt der Mann, wir wollten irgendwie in die Wohnung einer Freundin gelangen, die mit uns in dem Restaurant gewesen war. Wir nahmen zwei Taxis, ich saß in dem, das vorausfuhr. Der Fahrer wusste von nichts, er raste den Boulevard Voltaire hinunter, mitten in das Blaulicht hinein, es war derselbe Weg, den die Attentäter genommen hatten, vorbei an den Tatorten, durch ein Kriegsgebiet mitten in Paris.

Ich saß auf dem Beifahrersitz, ich schrie den Fahrer an, fahr, fahr, fahr, ich hatte das Gefühl, wir werden nie hier rauskommen, das hört nie mehr auf.

Wenn ich von diesem Abend träume, sagt der Mann, ist es immer dasselbe: Wohin ich auch fliehe, sie sind schon da. Es gibt kein Entkommen.

Als wir etwa eine Stunde nach dem Angriff endlich in der Wohnung unserer Freundin angelangt waren, sagt die Frau, habe ich sofort meinen Pullover ausgezogen und nachgeschaut, ob ich nicht doch irgendwo getroffen worden war. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich unverletzt geblieben war.

Sie zieht sich jetzt die Mütze vom Kopf, als wollte sie zeigen, dass sie nicht blutet. Ihre Haare sind schön.

Jemand schaltete den Fernseher ein, sagt sie, und erst da wurde uns klar, welches Ausmaß die Attentate hatten, das Stadion, die Bars und Restaurants, es geschah überall. Die Konzerthalle war nur wenige Hundert Meter von der Wohnung entfernt, in der wir uns aufhielten. Wir hörten die Detonationen. Wir waren noch immer mittendrin.

Wir waren zu siebt in dieser kleinen Wohnung, wir blieben dort zwei Tage lang. Es war eine Ausgangssperre verhängt worden, weil niemand wusste, ob es jetzt wirklich vorbei ist.

Ich fand keine Ruhe. Ich war so wach wie nie zuvor in meinem Leben. Die ganze Nacht schaute ich aus dem Fenster, weil ich wissen wollte, was draußen vor sich geht.

Im Morgengrauen sah ich zwei Männer, die, mitten in diesem Inferno, ein Auto klauten.

Im Badezimmer der kleinen Wohnung durfte geraucht werden, sagt die Frau, am Fenster. Dort waren er und ich zum ersten Mal wieder allein.

"Mehr können wir zusammen nicht erleben", sagte er zu mir. "Lass uns heiraten."

Ich sagte sofort ja.

Wir weinten.

Auf dem Plattenspieler in ihrem Wohnzimmer liegt ein Album von Al Green: Let’s stay together.

VI.

Es gibt einiges, was mir geblieben ist von diesem Abend, an dem wir angegriffen wurden, sagt der Mann. Ich bin nicht gern in Räumen, die nur einen Ausgang haben. Ich stehe nicht gern vor Lokalen auf der Straße. Ich bin schreckhaft bei lauten Geräuschen.

Das ist die Angst, dass es wieder passiert.

Ein Psychologe sagte uns, wir müssten uns immer wieder vor Augen führen, dass es vorbei ist. Ich habe ihm entgegnet, "wie soll es denn vorbei sein?" Wenn ich einen Tsunami überlebt habe, dann gehe ich nicht mehr an den Strand. Wenn ich eine Lawine überlebt habe, gehe ich nicht mehr in die Berge. Aber wenn ich Paris überlebt habe, müsste ich ja Restaurants meiden, Bars und Konzerthallen, alles, was mir lieb und teuer ist, all die Orte der Freiheit, die das Angriffsziel der Attentäter waren. Dann erst wäre es für mich vorbei. Aber das kann ich nicht wollen. Also muss ich lernen, die Angst auszuhalten, und hoffen, dass sie kleiner wird mit den Jahren.

Das Seltsamste, was mir geblieben ist, ist aber wohl, dass ich immer wieder denke: Wir haben damals ganz vergessen, unser Essen zu bezahlen. Wir müssen doch noch Geld schicken an die Leute vom Le Petit Cambodge.